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Gefährliche Liebschaften




Freilichtbühne Greven-Reckenfeld



Saison: 2008

Die Handlung des Romans erschließt sich dem Leser ausschließlich durch Briefe. Der Leser nimmt damit unmittelbar am Geschilderten teil – es gibt keinen allwissenden Erzähler, der einen Überblick über Handlung und handelnde Personen hat, sondern durch die Vielzahl der Briefeschreiber werden dem Leser mehrere Perspektiven auf dasselbe Ereignis eröffnet. Dadurch erhält der Roman auch eine gewisse Form der Ironie, die auf dem unterschiedlichen Wissen der Figuren der Romanhandlung basiert. Kirsten von Hagen weist darauf hin, dass Laclos mit einem „Suspense“-Effekt arbeite, wie man ihn aus Thrillern und Kriminalgeschichten des 20. Jahrhunderts kennt. Der Leser weiß mehr als die einzelnen Charaktere und antizipiert dadurch gewisse Ereignisse. So kennt der Leser den Pakt zwischen dem Vicomte de Valmont und der Marquise de Merteuil und Valmonts Plan, die tugendhafte Madame de Tourvel zu verführen und liest die Briefe mit einer gewissen Erwartungshaltung.

Die inszenierte Wohltätigsaktion Valmonts, bei der er eine vom finanziellen Ruin bedrohte Familie durch Zahlung ihrer Schulden rettet, weil er weiß, dass ihn ein Diener der Madame de Tourvel dabei beobachtet, wird erst durch den Brief des Vicomte geschildert (Brief 21), dann in Brief 22 in der begeisterten Schilderung der Madame de Tourvel, die dessen Manöver nicht durchschaut und schließlich in Brief 23 ein drittes Mal durch Valmont, in dem er seiner Briefempfängerin Merteuil begeistert schildert, mit welchen Lobreden Madame de Tourvel ihn gegenüber seiner Tante und dem anwesenden Pfarrer lobt. Laclos lässt aber auch den Leser manchmal bewusst im Unklaren. Warum Madame de Volanges plötzlich so zielstrebig den Schlüssel zum Schreibtisch ihrer Tochter einfordert, um dann dort die Briefe des Chevaliers Darceny zu finden, erklärt sich dem Leser erst zwei Briefe später – in Brief 64 berichtet die Marquise de Merteuil stolz dem Vicomte de Valmont von ihrem Ränkespiel, das sie als ihr Meisterstück bezeichnet. Sie hat sich sowohl in Cécile de Volanges‘ Vertrauen eingeschlichen und weiß daher, wo diese die Briefe aufbewahrt, die sie von Chevalier Danceny erhält, und generiert sich gleichzeitig gegenüber Madame de Volanges als tugendhafte Person, die sich vom Verhalten Céciles alarmiert zeigt. Um ihr Doppelspiel weiter betreiben zu können, legt sie der Mutter nahe, sie nicht zu verraten.

„Ich bat sie noch, mich ihrer Tochter gegenüber nicht zu verraten, was sie mir um so leichter versprach, als ich sie darauf aufmerksam machte, dass es ja nur um so besser wäre, wenn das Kind Vertrauen zu mir habe, mir ihr Herz zu eröffnen, und es mir so möglich mache, ihr meinen guten Rat zu geben. Dass sie mir dieses ihr Versprechen halten wird, ist sicher, denn sie wird sich bei ihrer Tochter etwas mit ihrem Scharfblick inszenieren wollen. Und ich kann des jungen Mädchens Freundin markieren, ohne dass mich deshalb die Mutter für falsch und unredlich hält. Und ich profitiere in der Folge auch noch dies, dass ich so oft und so lang es mir paßt mit der Kleinen zusammen sein kann, ohne dass es der Mutter verdächtig auffällt.“

Die Briefe enthalten regelmäßig Hinweise sowohl auf den Akt des Briefeschreibers als auch die Form, wie der Brief übermittelt wird. Die bekannteste Briefszene ist vermutlich der Brief 48, in dem der Vicomte de Valmont der Marquise de Merteuil mitteilt, dass er gerade einen Liebesbrief an Madame de Tourvel geschrieben habe, als Schreibunterlage jedoch den Rücken der Kurtisane Émilie benutzt habe, mit der er das Bett teilt.

Selten teilen die Briefe jedoch tatsächlich mit, was die Person wirklich bewegt. Die gerade aus dem Kloster entlassene Cécile de Volanges versucht anfangs noch, in ihren Briefen ihren wahren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Marquise de Merteuil weist sie jedoch bald darauf hin, dass es in Briefen vor allem darum gehe, dem Empfänger zu schreiben, was ihm gefallen werde.[5] Der Höhepunkt der Verstellungskunst sind die Briefe des Vicomte de Valmont an Madame de Tourvel, in dem Valmont sich skrupellos einer religiös gefärbten Sprache bedient. Madame de Tourvels Fehler liegt in der Annahme dieser Briefe, die ihr letztlich zum Verhängnis werden, weil sie ihrer Verführungskraft erliegt. Valmont muss am Anfang große Anstrengungen unternehmen, um sie dazu zu bewegen. So täuscht er ihr mit einem falschen Briefstempel vor, dass der vorliegende Brief von ihrem in Dijon weilenden Mann stammt, oder er legt ihr in Anwesenheit seiner Tante einen Brief auf das Bett, den sie annehmen muss, will sie nicht einen Skandal provozieren.

Laclos spielt auch mit dem Zeitraum, der zwischen dem Absenden und dem Empfangen eines Briefes vergeht. Der 75. Brief, den die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont richtet und der 72. Brief, den Cécile Volanges an ihre Brieffreundin und Schulfreundin Sophie Carnay schreibt, nehmen zu Ereignissen Stellung, bei denen sich bis zum Eintreffen des Briefes bereits eine völlig neue Konstellation ergeben hat.



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